Von wegen brav! Deine Technik hat eine versaute Vergangenheit

Dein Handy kennt deine Crushes, liegt neben deinem Bett und springt auf jede Berührung an. Ganz schön intim für so ein vermeintlich nüchternes Technikteil, oder? Die Künstlerin und Technologin Mindy Seu hinterfragt die Trennung zwischen digitalen Geräten und Begehren. Mit ihrem Buch und ihrer Performance A Sexual History of the Internet zeigt sie dir, warum hinter dem cleanen Design auch Körper, Nähe und Lust stecken.
Dein Handy ist nicht so unschuldig, wie es aussieht
Du schickst eine Nachricht, wartest auf eine Antwort, spürst das Vibrieren. Auf dem Display stehen nur ein paar Wörter, in deinem Kopf läuft längst ein ganzer Film. Genau diese Nähe zwischen Mensch und Gerät interessiert Seu. Technik ist für sie nicht bloß ein Werkzeug, das irgendwo zwischen Ladekabel und Kalender funktioniert. Sie steckt mitten in unseren Beziehungen und darin, wie wir Intimität erleben.
Den Gedanken hinter der provokanten Handy-Frage brachte Melanie Hoff ins Gespräch: Wenn Menschen ihr Smartphone für intime Kommunikation und erotische Inhalte nutzen, lässt es sich auch als Sexspielzeug verstehen. Dazu kommen seine körperlichen Eigenschaften: Es vibriert und reagiert auf Druck. Seus Perspektive verschiebt damit den Blick vom vermeintlich neutralen Gerät zu dem, was du tatsächlich damit machst.
Moment mal: Was hat die Computermaus mit Körpern zu tun?
Im zweiten Kapitel ihres mehr als 700 Seiten starken Künstlerinnenbuchs betrachtet Seu die Computermaus als eine Form, die an eine Vulva erinnert. Dafür greift sie Ali Nas Text The Fetish of the Click auf. Zwei Hälften, dazwischen das Scrollrad: Plötzlich wirkt dieses völlig alltägliche Schreibtischding weniger sachlich. Gemeint ist eine Lesart, keine Behauptung über eine geheime Designabsicht.
Auch frühe Eingabegeräte wie Lichtgriffel und Lichtpistolen betrachtet Seu durch diese körperliche Brille. Beim Touchpad fehlt vielleicht die entsprechende Form, dafür bleibt die Berührung zentral. Du streichst, drückst, tippst. Das klingt banal, bis du merkst, wie selbstverständlich dein Körper mit dem Gerät kommuniziert. Die Technik mag kühl aussehen. Dein Umgang damit ist es nicht.
Aus Instagram-Stories wird eine Bühne
A Sexual History of the Internet begann nicht als dicker Buchblock, sondern als eigenständiger Vortrag im Format von Instagram-Stories. Eine wichtige Anregung kam von Julio Correa, der während eines von Seu geleiteten Hochschulkurses mit Stories als Vortragsformat experimentiert hatte. Gemeinsam entwickelten sie die Idee weiter und testeten sie in Live-Situationen.
Daraus entstand eine Performance, bei der du als Zuschauerin nicht einfach still auf deinem Platz bleibst. Das Publikum folgt einem gemeinsamen Skript auf dem eigenen Smartphone und liest daraus Zitate vor. Gedanken wandern vom Display in den Raum und bekommen unterschiedliche Stimmen. Statt einer Person, die vorne alles erklärt, entsteht ein gemeinsamer Vortrag. Das Projekt wurde international in Nordamerika, Europa und Asien gezeigt.
Wenn die Plattform beim Thema plötzlich nervös wird
Ausgerechnet auf Instagram bekam das Projekt Probleme. Während der Tests wurden die verwendeten Zweitaccounts wiederholt gelöscht. Seu beschreibt Metas Gemeinschaftsregeln als undurchsichtig. Das Team ersetzte deshalb Vokale in bestimmten Begriffen durch Sternchen und verdeckte Nacktheit, auch bei künstlich erzeugten Bildern. Selbst ein entsprechendes Wort innerhalb eines verlinkten Zitats konnte nach ihrer Erfahrung eine Markierung auslösen.
Für dich klingt das vielleicht nach der vertrauten Plattformlogik: Über etwas sprechen, aber bitte so verschlüsselt, dass die Moderation nicht dazwischenfunkt. Für Seu entstand daraus ein weiterer Grund für das gedruckte Buch. Diese Geschichte sollte nicht nur dort existieren, wo Accounts verschwinden können. Der Band hält die Story-Folien fest und macht das Material unabhängig vom Weiterbestehen eines Profils zugänglich.
Die digitale Welt hatte schon früh einen Körper
Den Ausgangspunkt für die Recherche bildete Seus vorheriges Buch Cyberfeminism Index. Darin versammelt sie cyberfeministische Arbeiten von den 1980er-Jahren bis zur Gegenwart. Beim Zusammenstellen erkannte sie verschiedene Verbindungslinien. Eine ließ sie besonders wenig los: das Verhältnis zwischen Technologie und Sexualität. A Sexual History of the Internet verfolgt diesen Strang gezielt weiter.
Dabei geht es nicht nur um das heutige Smartphone. Seu verweist etwa auf einen frühen Knoten eines militärischen Internetvorläufers, dessen Bezeichnung aus einem Wortspiel mit „set X“ entstand und als „Sex“ gelesen wurde. Auch das Bild eines Playboy-Models, das zum Testen von Bildkompression eingesetzt wurde, gehört zu ihren Beispielen. Die vermeintlich körperlose Technikgeschichte bekommt dadurch ziemlich menschliche Konturen.
Und dann ist da noch eine Geschichte, die du beim Wort Computer vielleicht nicht sofort mitdenkst: Als Computer wurden ursprünglich auch Menschen bezeichnet, darunter Frauen, die Berechnungen ausführten. Für Seu passt das zum größeren Bild. Hinter Geräten stecken Körper, Arbeit und materielle Ressourcen. Selbst ihre Bauteile kommen nicht aus einer schwerelosen digitalen Wolke, sondern benötigen Rohstoffe aus der Erde.
Wer baut mit – und wer wird später aussortiert?
Seus Projekt schaut außerdem auf Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, deren Arbeit zur Entwicklung digitaler Angebote beigetragen hat. Sie versammelt dazu Anekdoten, Kunstwerke und historische Materialien. Mit Liara Roux’ Begriff „pussy capital“ rückt sie die Frage ins Zentrum, wer online Wert schafft und wer davon profitiert. Hinter der frechen Verpackung steckt also auch eine ziemlich konkrete Frage nach Anerkennung.
Die von Seu zitierte Mistress Harley kritisiert, dass Plattformen von der Arbeit dieser Menschen profitieren und sie später ausschließen, um nach außen unverfänglicher zu wirken. In diesem Zusammenhang werden auch Patreon und OnlyFans genannt. Der Widerspruch ist entscheidend: Inhalte und Communities können beim Aufbau einer Plattform wichtig sein, ohne dort dauerhaft einen sicheren Platz zu haben.
Ein Credit ist gut. Beteiligung ist besser.
Seu belässt es nicht dabei, Beiträge anderer sichtbar zu machen. Im Buch werden 45 Personen zitiert; insgesamt 30 Prozent der Gewinne sollen unter allen Zitierten aufgeteilt werden. Das ist als Experiment zur Umverteilung gedacht. Die Menschen, deren Gedanken das Projekt tragen, bekommen damit nicht nur einen Namen im Text, sondern auch eine finanzielle Beteiligung.
Dahinter steht eine Haltung, die du auch ohne Kunsttheorie sofort verstehst: Ideen entstehen selten aus dem Nichts im Kopf eines einsamen Genies. Gespräche, Vorarbeiten und Gemeinschaften machen sie möglich. Die Performance übersetzt das ins Hörbare, wenn fremde Menschen diese Gedanken vorlesen. Das Buch ergänzt die Anerkennung um Geld. Beides gehört für Seu zur Frage, wie du mit fremdem Wissen arbeitest.
Und was heißt das jetzt für deinen KI-Crush?
Auch romantische Beziehungen zu KI betrachtet Seu nicht als völlig beispiellosen Bruch. Menschen schreiben Maschinen menschliche Eigenschaften zu; für sie steckt darin auch unser Vermögen, mitzufühlen und Verbindung herzustellen. Sie widerspricht deshalb der pauschalen Vorstellung, Technologie zerstöre automatisch menschliche Nähe. Ihre Perspektive: Menschen finden über technische Gegenüber auch Wege, mit sich selbst zu kommunizieren.
Du musst dein Handy deshalb nicht plötzlich in eine neue Schublade einsortieren. Aber vielleicht schaust du beim nächsten Vibrieren genauer hin: Dieses kleine Gerät vermittelt Gefühle, Berührungen und Erwartungen. Seus Projekt macht genau diese Verflechtung sichtbar. Dein Display ist glatt. Die Geschichte dahinter? Definitiv nicht so clean.
